Nährstoffbedarf im Cannabis-Lebenszyklus
Phasenweise Übersicht des NPK-, Ca- und Mg-Bedarfs bei Photoperiodisch- und Autoflower-Pflanzen in Erde und Coco – basierend auf peer-reviewten Studien.
Vegetativ (NPK)
≈ 3:1:2, EC 1.0–1.6 mS/cm
Blüte ab Woche 3 (NPK)
≈ 1:3:3, EC 1.4–2.0 mS/cm
Spätblüte/Reife
EC schrittweise auf 0.6–1.0 mS/cm senken
Autoflower-EC-Obergrenze
≈ 20–30 % unter Photoperiodisch-Werten
Kernpunkte
- Das N:P:K-Verhältnis verschiebt sich mit der Wachstumsphase: vegetativ stickstoffbetont (≈ 3:1:2), ab Blütewoche 3 phosphor- und kaliumbetont (≈ 1:3:3) — ein starres Düngeprogramm über den ganzen Zyklus überdüngt in der einen und unterdüngt in der anderen Phase.
- Autoflower-Linien vertragen wegen der kurzen, nicht klar abgrenzbaren Vegetationsphase deutlich niedrigere EC-Spitzenwerte als Photoperiodische — aggressive Düngeprogramme sind die häufigste Ertragsbremse bei Autos.
- Coco-Substrat bindet Ca²⁺ und Mg²⁺ an seiner Kationenaustauschoberfläche stärker als K⁺ — ohne routinemäßigen Cal-Mag-Zusatz entsteht auch bei rechnerisch ausreichender Düngung ein Mangel.
Hinweis
- Stickstoff bis in die Spätblüte hoch zu halten, verzögert die Reife und kann Geschmack und Trichomqualität messbar verschlechtern.
- Abrupte EC-Sprünge beim Phasenwechsel wirken wie Salzstress — Übergänge über mehrere Gießgänge strecken.
Definition und Einordnung
Der Nährstoffbedarf von Cannabis ist nicht konstant, sondern folgt dem physiologischen Wechsel von vegetativem Wachstum zu generativer Blütenbildung. Jede Phase verlangt ein anderes Verhältnis von Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K).
Ein über den gesamten Zyklus unverändertes Düngeprogramm ignoriert diesen Wechsel und ist eine häufige Ursache für Stickstoffüberschuss in der Spätblüte und für Kalium- bzw. Phosphormangel während der aktiven Knospenbildung.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Stickstoff ist Baustein von Chlorophyll, Aminosäuren und Strukturproteinen — der Bedarf korreliert direkt mit der Zunahme an Blattmasse und ist daher in der vegetativen Phase am höchsten.
Phosphor treibt als Bestandteil von ATP und Nukleinsäuren Zellteilung und Energietransfer an; Kalium reguliert Stomataöffnung, osmotischen Druck und den Zuckertransport ins Blütengewebe. Beide Prozesse dominieren ab dem Blütenansatz, was das Verhältnis zugunsten von P und K verschiebt.
Phasenmodell mit Zielwerten
Keimling/Sämling (Tag 0–14): EC 0.4–0.8 mS/cm — die Samenreserven decken den Initialbedarf weitgehend, Überdüngung ist hier das größere Risiko als Mangel.
Vegetativ (bis zur Lichtumstellung): NPK ≈ 3:1:2, EC 1.0–1.6 mS/cm — stickstoffbetont für Blattmassezuwachs.
Reck- und Frühblüte (erste 1–3 Wochen nach Umstellung): Übergangsphase — N schrittweise senken, P und K schrittweise anheben.
Mittelblüte (Hauptknospenbildung): NPK ≈ 1:3:3, EC 1.4–2.0 mS/cm — K-Spitzenbedarf für den Zuckertransport in die Blüten.
Spätblüte/Reife (letzte 1–2 Wochen): EC schrittweise Richtung 0.6–1.0 mS/cm senken, N nahezu auf null.
Checkliste
- EC/pH der Drainage wöchentlich gegen den Zulauf protokollieren
- NPK-Verhältnis am Phasenwechsel aktiv umstellen, nicht nur die Menge erhöhen
- In den letzten 1–2 Wochen EC schrittweise senken statt abrupt zu stoppen
Substratspezifische Unterschiede
Erde: mikrobielle Stickstoff-Mineralisierung puffert Schwankungen ab, die Fehlertoleranz ist hoch, die Reaktion auf Düngeranpassungen dafür langsamer.
Coco: hohe Kationenaustauschkapazität bindet Ca²⁺ und Mg²⁺ bevorzugt gegenüber K⁺ — ein routinemäßiger Cal-Mag-Zusatz ist praktisch Pflicht, die Reaktion auf Korrekturen erfolgt aber deutlich schneller als in Erde.
Hydro: keine Pufferung — die Nährlösung IST der Wurzelraum. EC- und pH-Drift muss täglich kontrolliert werden, Nachschub erfolgt über Volumenwechsel statt über den Gießzyklus.
Photoperiodisch vs. Autoflower
Autoflower-Linien haben eine fixe, kurze Lebensspanne von rund 10 Wochen ohne klar trennbare Veg-/Blühphase-Schaltung durch den Züchter. Nährstoffübergänge müssen dadurch sanfter verlaufen, und die EC-Obergrenzen sollten rund 20–30 % unter den Werten für Photoperiodische liegen.
Überdüngte Autoflower können den Stress nicht wie photoperiodische Pflanzen durch eine verlängerte vegetative Erholungsphase kompensieren — der Ertragsverlust ist endgültig.
Korrekturmaßnahmen und Protokoll
Wöchentliches Log von EC/pH bei Zulauf und Drainage führen, nicht nur den Zulauf kontrollieren.
NPK-Verhältnis am Kalendertag der Phasenumstellung ändern, nicht erst reaktiv nach dem Auftreten von Symptomen.
Vor jedem größeren Phasenwechsel einen Spülgang mit pH-korrigiertem Wasser einplanen, um Altsalze aus vorheriger Düngung zu entfernen.
Häufige Fehler
Dasselbe Düngeprogramm für Photoperiodisch und Autoflower verwenden, ohne die EC-Obergrenze anzupassen.
Stickstoff bis in die Spätblüte hoch halten — 'mehr Grün = mehr Ertrag' stimmt nicht und kostet Blütenqualität sowie Geschmack.
EC beim Flush ruckartig statt schrittweise senken, was wie zusätzlicher Salzstress wirkt.
Fortgeschrittene Überlegungen
Sortenunterschiede in der Nährstoffaufnahmegeschwindigkeit sind real — die genannten Zielwerte sind Korridore, keine Fixwerte, und sollten nach Pflanzenreaktion feinjustiert werden.
In Living-Soil-Systemen übernimmt die mikrobielle Gemeinschaft einen Teil der phasenweisen Umstellung selbst; das EC-Phasenmodell gilt primär für Flüssigdüngung in Coco, Hydro und klassischer Blumenerde.
Häufige Fragen
Muss ich für jede Sorte ein anderes Düngeprogramm fahren?
Was passiert, wenn ich zu spät von N- auf P/K-betonte Düngung umstelle?
Brauche ich in Erde überhaupt ein striktes EC-Phasenmodell?
Quellen
→ Gesamtregister- 1Öffnen ↗
Photosynthetic Response of Cannabis to Nutrient and Light Intensity
Frontiers in Plant Science · 2020
- 2Öffnen ↗
Marschner's Mineral Nutrition of Higher Plants
Academic Press · 2012
- 3Öffnen ↗
Optimal Rate of Organic Fertilizer during the Flowering Stage of Cannabis
HortScience · 2017
- 4Öffnen ↗
Nutrient Management in Recirculating Hydroponic Culture
Utah State University / Acta Horticulturae · 2004
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